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‘Lasst uns die Dinge richtig stellen’

‘Lasst uns die Dinge richtig stellen’

Kapitel drei

‘Lasst uns die Dinge richtig stellen’

Jesaja 1:10-31

1, 2. Mit wem vergleicht Jehova die Herrscher und das Volk von Jerusalem und Juda, und warum ist das begründet?

 DIE Bewohner Jerusalems sind vielleicht geneigt sich zu rechtfertigen, nachdem sie die in Jesaja 1:1-9 aufgezeichnete Strafankündigung gehört haben. Zweifellos würden sie gern mit Stolz auf all die Opfer hinweisen, die sie Jehova darbringen. Die Verse 10 bis 15 zeigen jedoch, welch vernichtendes Urteil Jehova über eine solche Einstellung fällt. Es beginnt mit den Worten: „Hört das Wort Jehovas, ihr Diktatoren von Sodom. Schenkt dem Gesetz unseres Gottes Gehör, ihr Leute von Gomorra“ (Jesaja 1:10).

2 Die Bewohner der Städte Sodom und Gomorra wurden nicht nur wegen ihres perversen Sexualverhaltens vernichtet, sondern auch wegen ihrer Hartherzigkeit und ihres Stolzes (1. Mose 18:20, 21; 19:4, 5, 23-25; Hesekiel 16:49, 50). Jesajas Zuhörer müssen entsetzt sein, zu hören, dass sie mit den Leuten jener verfluchten Städte verglichen werden. a Aber Jehova sieht sein Volk so, wie es ist, und Jesaja schwächt Gottes Botschaft nicht ab, um den Israeliten ‘die Ohren zu kitzeln’ (2. Timotheus 4:3).

3. Was meint Jehova, wenn er sagt, er „habe genug gehabt“ von den Opfern des Volkes, und wieso ist das der Fall?

3 Beachten wir, wie Jehova über die formalistische Anbetung seines Volkes denkt. „ ‚Von welchem Nutzen ist mir die Menge eurer Schlachtopfer?‘, spricht Jehova. ‚Ich habe genug gehabt der Ganzbrandopfer von Widdern und des Fettes wohlgenährter Tiere; und am Blut von jungen Stieren und männlichen Lämmern und Ziegenböcken habe ich kein Gefallen gehabt‘ “ (Jesaja 1:11). Die Juden haben vergessen, dass Jehova nicht auf ihre Opfer angewiesen ist (Psalm 50:8-13). Er benötigt nichts von dem, was Menschen ihm opfern mögen. Falls also das Volk meint, es würde Jehova mit seinen halbherzigen Opfergaben einen Gefallen tun, dann irrt es. Er bedient sich einer eindrucksvollen Metapher. Der Ausdruck „Ich habe genug gehabt“ kann nämlich auch mit „Ich bin übersättigt“ wiedergegeben werden. Wissen wir, wie es ist, wenn man so viel gegessen hat, dass einen schon allein der Anblick weiterer Nahrung anwidert? Ähnlich empfand Jehova bei jenen Opfergaben; sie waren ihm zuwider.

4. Inwiefern wird in Jesaja 1:12 aufgedeckt, wie sinnlos die Anwesenheit des Volkes im Tempel in Jerusalem ist?

4 Weiter sagt Jehova: „Wenn ihr dauernd hereinkommt, um mein Angesicht zu sehen, wer ist es, der dies von eurer Hand gefordert hat, meine Vorhöfe zu zertreten?“ (Jesaja 1:12). Verlangt nicht selbst das Gesetz Jehovas vom Volk, ‘hereinzukommen, um sein Angesicht zu sehen’, das heißt, sich in seinem Tempel in Jerusalem einzufinden? (2. Mose 34:23, 24). Ja, das schon. Doch ihr Erscheinen ist purer Formalismus, sie üben die reine Anbetung nur der Form nach aus, nicht aus lauteren Beweggründen. Ihre zahllosen Besuche in den Vorhöfen Jehovas sind für ihn nur ein ‘Zertreten’ und bewirken nicht mehr als ein Abtreten des Pflasters.

5. Welches sind einige Kulthandlungen der Juden, und warum sind diese für Jehova „zur Bürde“ geworden?

5 Kein Wunder, dass Jehova jetzt in einem noch strengeren Ton spricht! „Hört auf, noch weitere wertlose Getreideopfer hereinzubringen. Räucherwerk — es ist mir etwas Verabscheuungswürdiges. Neumond und Sabbat, das Einberufen einer Zusammenkunft — ich kann die Benutzung unheimlicher Macht zugleich mit der feierlichen Versammlung nicht ertragen. Eure Neumonde und eure Festzeiten hat meine Seele gehasst. Mir sind sie zur Bürde geworden; ich bin müde geworden, sie zu tragen“ (Jesaja 1:13, 14). Getreideopfer, Räucherwerk, Sabbate und feierliche Versammlungen sind in dem Gesetz festgelegt, das Gott den Israeliten gab. Was die „Neumonde“ betrifft, so weist das Gesetz lediglich an, diese zu beobachten, doch sind nach und nach nützliche Überlieferungen in Verbindung damit entstanden (4. Mose 10:10; 28:11). Der Neumond gilt als ein monatlicher Sabbat, an dem das Volk von Arbeit absteht und sich sogar versammelt, um von den Propheten und den Priestern unterwiesen zu werden (2. Könige 4:23; Hesekiel 46:3; Amos 8:5). Ihn zu beobachten ist an sich nicht verkehrt. Verkehrt ist, dass man nur den Schein wahren möchte. Außerdem bedienen sich die Juden „unheimlicher Macht“, das heißt, sie pflegen spiritistische Bräuche, beobachten dabei aber gleichzeitig formell Gottes Gesetz. b Deshalb ist ihre Anbetung für Jehova „zur Bürde“ geworden.

6. In welchem Sinne ist Jehova „müde“ geworden?

6 Inwiefern könnte Jehova aber „müde“ werden? Heißt es von ihm nicht, er habe eine „Fülle dynamischer Kraft“ und er werde „nicht müde noch matt“? (Jesaja 40:26, 28). Damit wir seine Empfindungen verstehen können, bedient er sich einer einprägsamen Veranschaulichung. Haben wir jemals eine schwere Last so lange getragen, dass wir völlig ermattet waren und uns danach sehnten, sie abwerfen zu können? So empfindet Jehova in Verbindung mit der heuchlerischen Anbetung seines Volkes.

7. Warum hört Jehova bei den Gebeten seines Volkes nicht mehr zu?

7 Nun spricht Jehova die persönlichste und vertraulichste aller religiösen Handlungen an. „Wenn ihr eure Handflächen ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Auch wenn ihr viele Gebete vorbringt, höre ich nicht zu; mit Blutvergießen sind ja eure Hände gefüllt worden“ (Jesaja 1:15). Die Handflächen auszubreiten und mit den Handflächen nach oben die Hände auszustrecken ist eine Geste des flehentlichen Gebets. Für Jehova ist sie bedeutungslos geworden, denn dieses Volk hat Hände voller Blutvergießen. Im Land grassiert die Gewalttätigkeit. Schwache zu unterdrücken ist an der Tagesordnung. Dass sich solche beleidigenden, selbstsüchtigen Menschen im Gebet noch an Jehova wenden und ihn um Segen bitten, ist ganz einfach abscheulich. Kein Wunder, dass Jehova sagt: ‘Ich höre nicht zu’!

8. Welchen Fehler macht die Christenheit heute, und inwiefern geraten einige Christen in eine ähnliche Schlinge?

8 Genauso wenig hat in unseren Tagen die Christenheit durch ihre endlos wiederholten Gebete und ihre sonstigen religiösen „Werke“ Gottes Gunst erlangt (Matthäus 7:21-23). Für uns ist es ungeheuer wichtig, nicht in dieselbe Schlinge zu geraten. Es kommt vor, dass ein Christ eine schwerwiegende Sünde treibt, dann aber meint, wenn er sein Tun verberge und seine Aktivitäten in der Christenversammlung steigere, werde seine Sünde durch seine Taten gewissermaßen aufgewogen. Solche formalistischen Werke gefallen aber Jehova nicht. Wie die folgenden Verse des Buches Jesaja zeigen, gibt es für geistige Krankheit nur ein einziges Heilmittel.

Das Heilmittel für geistige Krankheit

9, 10. Wie wichtig ist Reinheit bei unserer Anbetung Jehovas?

9 Jehova, der mitfühlende Gott, schlägt jetzt einen herzlicheren, ansprechenderen Ton an. „Wascht euch; reinigt euch; schafft mir die Schlechtigkeit eurer Handlungen aus den Augen; hört auf, Böses zu tun. Lernt Gutes tun; forscht nach dem Recht; weist den Bedrücker zurecht; fällt einen Rechtsspruch für den vaterlosen Knaben; führt die Rechtssache der Witwe“ (Jesaja 1:16, 17). Hier finden wir neun Imperative hintereinander — neunmal die Befehlsform. Die ersten vier richten sich gegen etwas Negatives, und zwar in dem Sinne, dass sie sich um die Beseitigung von Sünde drehen; die übrigen fünf fordern zu positiven Schritten auf, durch die der Segen Jehovas zu erlangen ist.

10 Waschen und Reinheit sind stets wichtige Bestandteile der wahren Anbetung gewesen (2. Mose 19:10, 11; 30:20; 2. Korinther 7:1). Jehova möchte aber, dass die Reinigung tiefer geht, dass sie ins Herz seiner Anbeter reicht. Am wichtigsten sind sittliche und geistige Reinheit, und darauf nimmt Jehova Bezug. Bei den ersten beiden Geboten in Vers 16 handelt es sich nicht lediglich um eine Wiederholung. Wie ein Grammatiker der hebräischen Sprache ausführt, bezieht sich das erste Gebot: „Wascht euch“, auf das anfängliche grundlegende Reinigen, und das zweite: „Reinigt euch“, auf das fortgesetzte Bemühen, diese Reinheit zu bewahren.

11. Was sollten wir tun, um die Sünde zu bekämpfen, und was sollten wir niemals tun?

11 Vor Jehova können wir nichts verbergen (Hiob 34:22; Sprüche 15:3; Hebräer 4:13). Sein Gebot „Schafft mir die Schlechtigkeit eurer Handlungen aus den Augen“ kann somit nur eines bedeuten: nicht mehr böse zu handeln. Das heißt, man darf nicht versuchen, schwerwiegende Sünden zu verheimlichen, denn das an sich wäre wiederum eine Sünde. In Sprüche 28:13 heißt es warnend: „Wer seine Übertretungen zudeckt, wird kein Gelingen haben, doch dem, der sie bekennt und lässt, wird Barmherzigkeit erwiesen werden.“

12. (a) Warum ist es wichtig, ‘Gutes tun zu lernen’? (b) Wie können besonders Älteste nach der Anweisung handeln: „Forscht nach dem Recht“ und: „Weist den Bedrücker zurecht“?

12 Aus den positiven Schritten, die Jehova in Vers 17 des 1. Kapitels von Jesaja gebietet, können wir viel lernen. Beachten wir, dass er nicht einfach sagt: „Tut Gutes“, sondern: „Lernt Gutes tun.“ Damit wir das verstehen, was in Gottes Augen gut ist, und damit wir es tun möchten, müssen wir persönlich Gottes Wort studieren. Des Weiteren sagt Jehova nicht lediglich: „Übt Recht“, sondern: „Forscht nach dem Recht.“ Selbst erfahrene Älteste müssen Gottes Wort durchforschen, damit sie bei komplizierten Angelegenheiten die richtige Vorgehensweise herausfinden. Ihnen fällt übrigens auch die Aufgabe zu, ‘den Bedrücker zurechtzuweisen’, was Jehova anschließend gebietet. Diese Anweisungen sind folglich für christliche Hirten heute von Bedeutung, denn sie möchten die Herde vor „bedrückenden Wölfen“ schützen (Apostelgeschichte 20:28-30).

13. Wie könnte das Gebot in Bezug auf vaterlose Knaben und Witwen heute angewandt werden?

13 Die letzten beiden Gebote betreffen schutzbedürftigere Glieder des Volkes Gottes: Waisen und Witwen. Die Welt ist nur allzu oft geneigt, solche Personen auszunutzen; das darf unter Gottes Volk nicht geschehen. Liebevolle Älteste ‘fällen einen Rechtsspruch’ für die vaterlosen Knaben und Mädchen in der Versammlung, sie verhelfen ihnen in einer Welt, die sie ausnutzen und verderben möchte, zu ihrem Recht und beschützen sie. Älteste ‘führen die Rechtssache’ der Witwe oder „streiten“ für sie, was das hebräische Wort ebenfalls bedeuten kann. Tatsächlich sollten alle Christen darauf bedacht sein, dass Bedürftige unter uns Zuflucht, Trost und Gerechtigkeit finden, denn sie sind für Jehova kostbar (Micha 6:8; Jakobus 1:27).

14. Welche positive Botschaft wird durch Jesaja 1:16, 17 übermittelt?

14 Welch eine strikte, aber positive Botschaft Jehova doch durch diese neun Gebote übermittelt! Mitunter reden sich Personen, die sich in Sünde verstrickt haben, ein, richtig zu handeln übersteige ganz einfach ihre Kraft. Eine solche Ansicht entmutigt und ist außerdem verkehrt. Jehova weiß, dass ein Sünder mit seiner Hilfe die sündige Handlungsweise aufgeben, umkehren und richtig handeln kann, und er möchte, dass auch wir uns darüber im Klaren sind.

Eine mitfühlende, gerechte Bitte

15. Inwiefern werden die Worte „Lasst uns die Dinge zwischen uns richtig stellen“ bisweilen missverstanden, und was bedeuten sie eigentlich?

15 Jehovas Stimme wird jetzt noch herzlicher und mitfühlender. „ ‚Kommt nun, und lasst uns die Dinge zwischen uns richtig stellen‘, spricht Jehova. ‚Wenn sich eure Sünden auch wie Scharlach erweisen sollten, werden sie so weiß werden wie Schnee; wenn sie auch rot sein sollten wie Karmesintuch, werden sie sogar wie Wolle werden‘ “ (Jesaja 1:18). Die Einladung, mit der dieser schöne Vers beginnt, wird häufig missverstanden. Sie ist beispielsweise schon wie folgt übersetzt worden: „Wohlan doch, wir wollen uns miteinander ausgleichen!“ — als ob beide Seiten Zugeständnisse machen müssten (Das Buch Jesaja, eingeleitet, übersetzt und erklärt von Eduard König). So verhält es sich aber keineswegs! Jehova trifft keine Schuld, schon gar nicht in seinem Umgang mit diesem rebellischen, heuchlerischen Volk (5. Mose 32:4, 5). In diesem Vers geht es nicht darum, dass Gleichgestellte einen Kompromiss aushandeln, sondern um Rechtspflege. Jehova fordert Israel gleichsam auf, vor Gericht zu erscheinen.

16, 17. Wieso wissen wir, dass Jehova bereit ist, selbst schwerwiegende Sünden zu vergeben?

16 Das kann ein beängstigender Gedanke sein, doch Jehova ist der barmherzigste und mitfühlendste Richter. Seine Fähigkeit, zu vergeben, ist ohnegleichen (Psalm 86:5). Nur er allein kann Israel von seinen Sünden, die „wie Scharlach“ sind, reinigen, damit sie „weiß werden wie Schnee“. Weder menschliches Bemühen noch ein Schema von Werken, Opfern oder Gebeten vermag den Makel der Sünde zu beseitigen. Allein Jehovas Vergebung kann Sünden wegwaschen. Gott gewährt diese Vergebung unter den von ihm festgesetzten Bedingungen, die unter anderem echte, von Herzen kommende Reue einschließen.

17 Diese Wahrheit ist so wichtig, dass Jehova sie in einer poetischen Variation wiederholt: „Scharlachfarbene“ Sünden werden wie neue, ungefärbte weiße Wolle. Jehova möchte uns wissen lassen, dass er Sünden wirklich vergibt, sogar sehr schwer wiegende, sofern er bei uns aufrichtige Reue feststellt. Wer im eigenen Fall nur schwer daran glauben kann, sollte Beispiele wie Manasse betrachten. Dieser sündigte in erschreckendem Ausmaß, und das jahrelang. Aber er bereute, und es wurde ihm vergeben (2. Chronika 33:9-16). Jehova möchte, dass wir alle — auch diejenigen, die schwerwiegende Sünden begangen haben — uns bewusst sind, dass es nicht zu spät ist, ihm gegenüber ‘die Dinge richtig zu stellen’.

18. Welche Wahl legt Jehova seinem rebellischen Volk vor?

18 Jehova erinnert sein Volk daran, dass es eine Wahl treffen muss. „Wenn ihr Willigkeit zeigt und tatsächlich zuhört, so werdet ihr das Gute des Landes essen. Wenn ihr euch aber weigert und tatsächlich rebellisch seid, so werdet ihr von einem Schwert verzehrt werden; denn Jehovas Mund selbst hat es geredet“ (Jesaja 1:19, 20). Hier legt Jehova Nachdruck auf die Einstellung und verwendet eine weitere Veranschaulichung, um seinem Volk den Gedanken klarzumachen. Juda hat die Wahl, zu essen oder gegessen zu werden. Wenn sie willig sind, auf Jehova hören und ihm gehorchen, werden sie den guten Ertrag des Landes essen. Wenn sie aber in ihrer rebellischen Einstellung verharren, werden sie verzehrt werden — vom Schwert ihrer Feinde! Dass ein Volk lieber das Schwert seiner Feinde wählt als die Barmherzigkeit und die überströmende Bereitschaft seines Gottes, zu vergeben, ist schier unvorstellbar. Aber genau das trifft auf Jerusalem zu, wie die folgenden Verse aus dem Buch Jesaja zeigen.

Ein Klagelied über die geliebte Stadt

19, 20. (a) Wie gibt Jehova zu erkennen, dass er sich betrogen fühlt? (b) Auf welche Weise ‘weilte Gerechtigkeit in Jerusalem’?

19 Aus Jesaja 1:21-23 ist das derzeitige volle Ausmaß der Bosheit Jerusalems zu erkennen. Jesaja beginnt jetzt ein inspiriertes Gedicht in der Form eines Klagelieds: „O wie die treue Stadt eine Prostituierte geworden ist! Sie war voll Recht; Gerechtigkeit selbst weilte stets darin, jetzt aber Mörder“ (Jesaja 1:21).

20 Wie die Stadt, Jerusalem, doch gefallen ist! Einst eine treue Frau, ist sie jetzt eine Prostituierte geworden. Wodurch könnte noch eindrucksvoller vermittelt werden, wie sehr Jehova sich betrogen fühlt und wie enttäuscht er ist? Es heißt von dieser Stadt: „Gerechtigkeit selbst weilte stets darin.“ Wann? Schon vor der Zeit Israels, nämlich in den Tagen Abrahams, wurde diese Stadt Salem genannt. Sie wurde von einem Mann regiert, der sowohl König als auch Priester war. Sein Name, Melchisedek, bedeutet „König der Gerechtigkeit“ und passte offensichtlich gut zu ihm (Hebräer 7:2; 1. Mose 14:18-20). Etwa 1 000 Jahre nach Melchisedek erlebte Jerusalem unter der Königsherrschaft Davids und Salomos einen beispiellosen Aufschwung. „Gerechtigkeit selbst weilte stets darin“, besonders wenn ihre Könige dem Volk ein gutes Beispiel gaben, indem sie auf den Wegen Jehovas wandelten. In den Tagen Jesajas erinnerte man sich an solche Zeiten nur noch schwach.

21, 22. Was wird durch Schlacke und verdünntes Bier dargestellt, und warum verdienen Judas Führer eine solche Beschreibung?

21 Bei diesem Problem spielten die Führer des Volkes anscheinend eine wesentliche Rolle. Jesaja setzt seine Wehklage wie folgt fort: „Dein Silber, es ist zu Schaumschlacke geworden. Dein Weizenbier ist mit Wasser verdünnt. Deine Fürsten sind störrisch und Diebesgenossen. Jeder von ihnen liebt Bestechung und jagt Gaben nach. Einem vaterlosen Knaben sprechen sie nicht Recht; und selbst der Rechtsfall einer Witwe findet keine Zulassung bei ihnen“ (Jesaja 1:22, 23). Zwei eindrucksvolle Metaphern in schneller Folge geben den Ton an für das, was folgen soll. Der Silberschmied an seinem Schmiedeofen schöpft von dem geschmolzenen Silber die schaumige Schlacke ab und beseitigt sie. Die Fürsten und Richter Israels gleichen der Schlacke, nicht dem Silber. Sie müssen beseitigt werden. Sie sind nicht mehr wert als Bier, das mit Wasser verdünnt worden ist und seinen Geschmack verloren hat. Ein solches Getränk taugt nur noch dazu, in die Gosse geschüttet zu werden.

22 Der Vers 23 zeigt, warum die Führer eine solche Beschreibung verdienen. Das mosaische Gesetz veredelte Gottes Volk, indem es Israel von anderen Nationen trennte. Zum Beispiel ordnete es den Schutz von Waisen und Witwen an (2. Mose 22:22-24). Doch zur Zeit Jesajas hat der vaterlose Knabe wenig Hoffnung auf ein günstiges Urteil. Was die Witwe betrifft, sie findet niemand, der sich ihren Fall auch nur anhört, geschweige denn für sie streitet. Nein, diese Richter und Führer sind zu sehr mit ihren eigenen Interessen beschäftigt — sie sind auf Bestechung aus, jagen Geschenken nach, machen gemeinsame Sache mit Dieben und schützen offensichtlich Kriminelle, während sie deren Opfer leiden lassen. Und was noch schlimmer ist: Sie sind „störrisch“ oder haben sich in ihrem falschen Tun verhärtet. Welch trauriger Zustand!

Jehova wird sein Volk läutern

23. Welche Empfindungen bringt Jehova gegenüber seinen Widersachern zum Ausdruck?

23 Jehova wird diesen Machtmissbrauch nicht für immer dulden. Jesaja sagt weiter: „Darum ist der Ausspruch des wahren Herrn, Jehovas der Heerscharen, des Starken Israels: ‚Ha! Ich werde mich von meinen Widersachern entlasten, und ich will mich rächen an meinen Feinden‘ “ (Jesaja 1:24). Jehova werden hier drei verschiedene Bezeichnungen gegeben, was seine rechtmäßige Stellung als Herr und seine große Macht unterstreicht. Der Ausruf „Ha!“ deutet wahrscheinlich auf Jehovas Bedauern hin, das jetzt mit der Entschlossenheit gepaart ist, seinem Zorn entsprechend zu handeln. Grund dazu besteht gewiss.

24. Welchen Läuterungsprozess hat Jehova für sein Volk vorgesehen?

24 Jehovas eigenes Volk hat sich zu seinem Feind gemacht. Es verdient die göttliche Rache vollauf. Jehova wird sich „entlasten“, indem er sich seines Volkes entledigt. Bedeutet das eine vollständige, endgültige Ausrottung seines Namensvolkes? Nein, denn Jehova fährt mit den Worten fort: „Und ich will meine Hand auf dich zurückwenden, und ich werde deine Schaumschlacke wie mit Lauge wegschmelzen, und ich will all deine Abfallprodukte entfernen“ (Jesaja 1:25). Jehova gebraucht nun den Läuterungsprozess als Veranschaulichung. Im Altertum setzte ein Läuterer häufig Lauge hinzu, um das kostbare Metall von der Schlacke zu befreien. In ähnlicher Weise wird Jehova, der sein Volk nicht als durch und durch böse ansieht, „in rechtem Maße“ züchtigen. Er wird aus seinem Volk nur die „Abfallprodukte“ beseitigen, die Störrischen, Unerwünschten, die sich weigern zu lernen und zu gehorchen c (Jeremia 46:28). Mit diesen Worten darf Jesaja Geschichte im Voraus schreiben.

25. (a) Wie läuterte Jehova sein Volk im Jahre 607 v. u. Z.? (b) Wann läuterte Jehova sein Volk in der Neuzeit?

25 In der Tat läuterte Jehova sein Volk, indem er die Schaumschlacke — korrupte Führer und andere Rebellen — beseitigte. Im Jahre 607 v. u. Z., lange nach der Zeit Jesajas, wurde Jerusalem zerstört und seine Bewohner wurden für 70 Jahre ins Exil nach Babylon weggeführt. Das war mit einer Handlung Gottes vergleichbar, die viel später erfolgte. Aus der Prophezeiung in Maleachi 3:1-5, die geraume Zeit nach dem Babylonischen Exil aufgezeichnet wurde, ging hervor, dass Gott wiederum ein Läuterungswerk verrichten würde. Darin ist von der Zeit die Rede, in der Jehova Gott in Begleitung seines „Boten des Bundes“, Jesus Christus, zu seinem geistigen Tempel kommen würde. Das geschah offensichtlich am Ende des Ersten Weltkriegs. Jehova inspizierte alle, die sich als Christen ausgaben, und trennte die wahren von den falschen. Was war die Folge?

26—28. (a) Welche erste Erfüllung hatte Jesaja 1:26? (b) Wie hat sich diese Prophezeiung in unserer Zeit erfüllt? (c) Von welchem Nutzen kann diese Prophezeiung heute für Älteste sein?

26 Jehova antwortet: „Ich will wieder Richter für dich zurückbringen wie zuerst und Ratgeber für dich wie zu Beginn. Danach wirst du genannt werden: ‚Stadt der Gerechtigkeit‘, ‚Treue Stadt‘. Zion wird durch Recht erlöst werden und ihre Umkehrenden durch Gerechtigkeit“ (Jesaja 1:26, 27). Das alte Jerusalem erlebte eine erste Erfüllung dieser Prophezeiung. Nach der Rückkehr der Exilanten in ihre geliebte Stadt im Jahre 537 v. u. Z. gab es wieder treue Richter und Ratgeber wie zuvor. Die Propheten Haggai und Sacharja, der Priester Josua, der Schriftgelehrte Esra und der Statthalter Serubbabel — sie alle lenkten und leiteten den zurückgekehrten treuen Überrest durch ihren Dienst, damit er auf den Pfaden Gottes wandeln konnte. Doch zu einer noch bedeutsameren Erfüllung kam es im 20. Jahrhundert.

27 Im Jahre 1919 brachte Jehovas neuzeitliches Volk eine Zeit der Prüfung hinter sich. Es wurde aus der geistigen Knechtschaft Babylons der Großen, des Weltreiches der falschen Religion, befreit. Deutlich trat der Unterschied zwischen dem treuen gesalbten Überrest und der abtrünnigen Geistlichkeit der Christenheit hervor. Gott segnete sein Volk wieder, indem er ‘Richter und Ratgeber für sie zurückbrachte’ — treue Männer, die Gottes Volk gemäß seinem Wort Rat erteilen und nicht gemäß menschlichen Überlieferungen. Heute befinden sich unter der zahlenmäßig abnehmenden „kleinen Herde“ und ihren Millionen Gefährten der sich mehrenden „anderen Schafe“ Tausende solcher Männer (Lukas 12:32; Johannes 10:16; Jesaja 32:1, 2; 60:17; 61:3, 4).

28 Älteste behalten im Sinn, dass sie dann und wann als „Richter“ in der Versammlung amten, um sie sittlich und geistig rein zu bewahren und um Missetäter zurechtzuweisen. Sie sind sehr darauf bedacht, die Dinge auf Gottes Weise zu tun und seinen barmherzigen, ausgeglichenen Sinn für Gerechtigkeit nachzuahmen. In den meisten Fällen dienen sie jedoch als „Ratgeber“. Das heißt natürlich, dass sie alles andere als Herrscher oder Tyrannen sind; sie bemühen sich sehr, niemals auch nur den Anschein zu erwecken, „über die [zu] herrschen, die Gottes Erbe sind“ (1. Petrus 5:3).

29, 30. (a) Was erklärt Jehova in Bezug auf diejenigen, die sich weigern, aus Gottes Läuterungsprozess Nutzen zu ziehen? (b) In welchem Sinne wird das Volk wegen seiner Bäume und Gärten „beschämt“?

29 Was ist von der in Jesajas Prophezeiung erwähnten „Schlacke“ zu sagen? Was geschieht mit denen, die sich weigern, aus Gottes Läuterungsprozess Nutzen zu ziehen? Jesaja sagt weiter: „Und der Zusammenbruch der sich Auflehnenden und der von Sündern wird zur selben Zeit sein, und die Jehova verlassen, werden ihr Ende finden. Denn sie werden beschämt werden wegen der mächtigen Bäume, die ihr begehrtet, und ihr werdet mit Scham bedeckt werden wegen der Gärten, die ihr erwählt habt“ (Jesaja 1:28, 29). Diejenigen, die sich gegen Jehova auflehnen und gegen ihn sündigen, während sie die Warnungsbotschaften seiner Propheten so lange außer Acht lassen, bis es zu spät ist, ‘brechen tatsächlich zusammen’ und ‘finden ihr Ende’. Das geschieht im Jahre 607 v. u. Z. Was ist jedoch mit den erwähnten Bäumen und Gärten gemeint?

30 Die Judäer haben beständig das Problem des Götzendienstes. Bei ihren entarteten Bräuchen spielen häufig Bäume, Gärten und Haine eine Rolle. Die Anbeter des Baal und seiner Gemahlin Aschtoret glauben, in der Trockenzeit seien diese beiden Gottheiten tot und begraben. Damit sie aufwachen, sich paaren und dem Land Fruchtbarkeit schenken, versammeln sich die Götzendiener in Hainen oder Gärten zu perversen sexuellen Handlungen unter „heiligen“ Bäumen. Stellen sich Regen und Fruchtbarkeit im Land ein, so schreibt man es den falschen Göttern zu; die Götzendiener fühlen sich in ihrem Aberglauben bestätigt. Doch als Jehova letzten Endes die Katastrophe über die rebellischen Götzendiener hereinbrechen lässt, schützt sie kein Götze. Die sich Auflehnenden werden wegen dieser ohnmächtigen Bäume und Gärten „beschämt“.

31. Was kommt auf die Götzendiener zu, was schlimmer ist als Schande?

31 Den götzendienerischen Judäern steht allerdings etwas noch Schlimmeres bevor, als beschämt zu werden. Jehova verlagert die Veranschaulichung und vergleicht nun die Götzendiener selbst mit einem Baum. „Ihr werdet wie ein großer Baum werden, dessen Laub verwelkt, und wie ein Garten, der kein Wasser hat“ (Jesaja 1:30). In dem heißen, trockenen Klima des Nahen Ostens ist das eine passende Veranschaulichung. Kein Baum oder Garten kommt längere Zeit ohne Wasserversorgung aus. Wenn ein solches Gewächs vertrocknet, kann es leicht einem Feuer zum Opfer fallen. Die in Vers 31 erwähnte Veranschaulichung schließt sich daher logisch an.

32. (a) Wer ist der „kraftvolle Mann“, vom dem in Vers 31 die Rede ist? (b) In welchem Sinne wird er zu „Werg“ werden, welcher „Funke“ wird ihn entzünden, und mit welchem Ergebnis?

32 „Der kraftvolle Mann wird gewiss zu Werg werden und das Erzeugnis seines Tuns zu einem Funken; und sie beide werden bestimmt gleichzeitig in Flammen aufgehen, ohne dass jemand löscht“ (Jesaja 1:31). Wer ist dieser „kraftvolle Mann“? Der hebräische Ausdruck vermittelt den Sinn von Stärke und Schatz. Wahrscheinlich bezeichnet er einen wohlhabenden, selbstbewussten Anhänger falscher Götter. In den Tagen Jesajas gibt es — ebenso wie heute — nicht wenige Männer, die Jehova und seine reine Anbetung ablehnen. Einige scheinen erfolgreich zu sein. Doch Jehova macht warnend darauf aufmerksam, dass solche Männer wie „Werg“ sein werden, schwach und trocken wie grobe Flachsfasern, sodass sie gewissermaßen schon beim Geruch des Feuers zerreißen (Richter 16:8, 9). Das Erzeugnis dessen, was der Götzendiener tut — seien es seine Götzen, sein Reichtum oder was immer er anstelle Jehovas anbetet —, wird wie ein zündender „Funke“ sein. Sowohl der Funke als auch das Werg werden sozusagen verzehrt oder vernichtet werden in einem Feuer, das niemand löschen kann. Keine Macht des Universums kann Jehovas unfehlbare Urteile umstoßen.

33. (a) Inwiefern lassen Gottes Warnungen vor dem kommenden Gericht auch seine Barmherzigkeit erkennen? (b) Welche Gelegenheit gibt Jehova jetzt den Menschen, und wie wirkt sich das auf einen jeden von uns aus?

33 Lässt sich diese letzte Botschaft mit der Botschaft der Barmherzigkeit und Vergebung in Vers 18 vereinbaren? Auf alle Fälle! Jehova hat durch seine Diener solche Warnungen gerade deshalb aufzeichnen und mitteilen lassen, weil er barmherzig ist. Schließlich will er nicht, „dass irgendjemand vernichtet werde, sondern will, dass alle zur Reue gelangen“ (2. Petrus 3:9). Jeder wahre Christ hat heute das Vorrecht, Gottes Warnungsbotschaft zu verkündigen, damit Reumütige aus seiner großzügigen Vergebung Nutzen ziehen und ewig leben können. Wie gütig doch Jehova ist, den Menschen eine Chance einzuräumen, ‘die Dinge richtig zu stellen’, bevor es zu spät ist!

[Fußnoten]

a Nach jüdischer Überlieferung ließ der böse König Manasse Jesaja durch Zersägen hinrichten. (Vergleiche Hebräer 11:37.) Eine Quelle besagt, ein falscher Prophet habe folgende Anschuldigung gegen Jesaja erhoben, um das Todesurteil zu erwirken: „Er hat Jerusalem als Sodom bezeichnet und die Fürsten Judas und Jerusalems als das Volk von Gomorra.“

b Das hebräische Wort für „unheimliche Macht“ wird auch mit „Schädliches“, „Unheimliches“ und „irrig“ wiedergegeben. Gemäß dem Theologischen Wörterbuch zum Alten Testament bezeichneten hebräische Propheten mit diesem Wort den „durch Missbrauch von Macht verursachten Frevel“.

c Die Worte „Ich will meine Hand auf dich zurückwenden“ bedeuten, dass Jehova von der Unterstützung seines Volkes zur Züchtigung übergehen wird.

[Studienfragen]