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Fragen von Lesern

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Fragen von Lesern

Akzeptieren Jehovas Zeugen irgendwelche medizinischen Produkte, die aus Blut gewonnen werden?

Die grundsätzliche Antwort lautet: Jehovas Zeugen akzeptieren kein Blut. Wir sind fest davon überzeugt, daß Gottes Gesetz in bezug auf Blut nicht reformiert werden muß, um es veränderlichen Meinungen anzupassen. Trotzdem entstehen neue Fragen, weil das Blut heute Verfahren unterzogen werden kann, durch die es in seine vier Hauptbestandteile und in Fraktionen dieser Bestandteile aufgetrennt wird. Bei der Entscheidung, ob ein Christ diese akzeptieren könnte, sollte sich sein Augenmerk nicht nur auf den möglichen medizinischen Nutzen oder die Risiken richten. Sein Interesse sollte dem gelten, was in der Bibel gesagt wird, sowie den möglichen Auswirkungen auf sein Verhältnis zu dem allmächtigen Gott.

Die entscheidenden Fragen sind recht einfach. Warum das der Fall ist, läßt die Betrachtung einiger biblischer, historischer und medizinischer Hintergründe leicht erkennen.

Jehova Gott erklärte unserem gemeinsamen Vorfahren Noah, daß das Blut als etwas ganz Besonderes behandelt werden muß (1. Mose 9:3, 4). Später schlug sich in Gottes Gesetzen für Israel die Heiligkeit des Blutes deutlich nieder: „Was irgendeinen Mann vom Hause Israel betrifft oder einen ansässigen Fremdling, . . . welcher Blut von irgendeiner Art ißt, gegen die Seele, die das Blut ißt, werde ich bestimmt mein Angesicht richten.“ Israeliten, die Gottes Gesetze nicht anerkannten, konnten andere verunreinigen; deshalb fügte Gott hinzu: „Ich werde sie tatsächlich von den Reihen ihres Volkes abschneiden“ (3. Mose 17:10). Später entschieden die Apostel und die älteren Männer bei einer Zusammenkunft in Jerusalem, daß wir ‘uns von Blut enthalten’ müssen. Das zu tun ist genauso wichtig wie das Enthalten von Unsittlichkeit und Götzendienst (Apostelgeschichte 15:28, 29).

Was hat ‘sich enthalten’ damals wohl bedeutet? Christen verzehrten kein Blut, weder in frischer noch in geronnener Form; genausowenig aßen sie das Fleisch eines unausgebluteten Tieres. Unzulässig waren außerdem Nahrungsmittel mit Blutzusätzen, zum Beispiel Blutwurst. Wer Blut auf die vorgenannte Weise in sich aufnahm, übertrat Gottes Gesetz (1. Samuel 14:32, 33).

Die meisten Menschen in alter Zeit störten sich offenbar nicht am Blutgenuß, wie wir den Schriften Tertullians (zweites und drittes Jahrhundert u. Z.) entnehmen können. In seiner Reaktion auf die Falschanklage, Christen würden Blut verzehren, führte Tertullian Volksstämme an, die Verträge durch den Genuß von Blut besiegelten. Er sprach auch von Personen, „die beim Kampfspiel in der Arena das Blut der getöteten Verbrecher, wenn es noch frisch ist . . ., mit gierigen Zügen einschlürfen, um damit die Fallsucht zu heilen“.

Eine solche Handlung (selbst wenn einige Römer dafür gesundheitliche Gründe hatten) war für Christen unannehmbar. „Wir [rechnen] nicht einmal Tierblut unter die zum Genuß erlaubten Speisen“, schrieb Tertullian. Die Römer verwendeten Nahrungsmittel, die Blut enthielten, um die Lauterkeit wahrer Christen auf die Probe zu stellen. Tertullian fügte hinzu: „Doch wie soll man es auffassen, daß ihr glaubt, wer eurer eigenen Überzeugung nach vor Tierblut zurückschaudert [d. h. die Christen], werde nach Menschenblut lechzen?“

Heutzutage wird kaum jemand vermuten, daß die Gesetze des allmächtigen Gottes berührt werden, wenn ihm ein Arzt empfiehlt, sich Blut übertragen zu lassen. Wir Zeugen Jehovas möchten natürlich auch am Leben bleiben, aber wir sind verpflichtet, uns an Jehovas Gesetz in bezug auf das Blut zu halten. Was bedeutet das angesichts der heutigen medizinischen Praxis?

Als nach dem Zweiten Weltkrieg Transfusionen von Vollblut üblich wurden, erkannten Jehovas Zeugen, daß dies im Widerspruch zu Gottes Gesetz stand — und davon sind wir immer noch überzeugt. Doch im Lauf der Zeit hat sich in der Medizin manches verändert. Heute wird zumeist kein Vollblut transfundiert, sondern lediglich Hauptbestandteile des Blutes: 1. Erythrozyten, 2. Leukozyten, 3. Thrombozyten, 4. Blutplasma (Serum), das ist der Flüssigkeitsanteil. Abhängig vom Zustand eines Patienten, verordnen Ärzte Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten oder Plasma. Durch eine Übertragung der Hauptbestandteile kann eine einzige Einheit Blut auf mehrere Patienten verteilt werden. Jehovas Zeugen betrachten die Annahme von Vollblut oder von einem der vier Hauptbestandteile des Blutes als Verletzung des Gesetzes Gottes. Bedeutsamerweise schützt sie das Beharren auf diesem biblisch untermauerten Standpunkt vor vielen Gefahren, einschließlich Krankheiten, die man sich durch eine Bluttransfusion zuziehen kann, wie Hepatitis und Aids.

Da Blut nicht nur in seine Hauptbestandteile zerlegt werden kann, sondern sogar noch weiter, tauchen Fragen in Verbindung mit den Fraktionen auf, die aus den hauptsächlichen Blutbestandteilen gewonnen werden. Wann werden diese Fraktionen verabreicht, und was sollte ein Christ bei der Entscheidung über das Für und Wider einer Verwendung in Betracht ziehen?

Blut ist komplex. Selbst das Plasma — das zu 90 Prozent aus Wasser besteht — beinhaltet sehr viele Hormone, anorganische Salze, Enzyme und Nährstoffe, einschließlich Mineralien und Zucker. Das Plasma enthält auch Proteine wie Albumin, Gerinnungsfaktoren und Antikörper zur Bekämpfung von Krankheiten. Techniker extrahieren daraus viele verwendbare Plasmaproteine. Zum Beispiel wird Hämophilen, die zu Blutungen neigen, ein Gerinnungsfaktor verabreicht, der als Faktor VIII bezeichnet wird. Oder wenn jemand bestimmten Krankheiten ausgesetzt ist, könnten Ärzte Injektionen von Gammaglobulin geben, das aus dem Blutplasma von Menschen gewonnen wurde, die bereits Immunität erworben haben. Auch andere Plasmaproteine finden eine medizinische Verwendung, aber die oben erwähnten veranschaulichen bereits ausreichend, wie ein Hauptbestandteil des Blutes (das Plasma) verarbeitet werden kann, um daraus Fraktionen zu gewinnen. *

Genauso, wie man aus dem Blutplasma verschiedene Fraktionen gewinnen kann, können auch die anderen Hauptbestandteile (Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten) verarbeitet werden, um daraus die nur in kleineren Mengen enthaltenen Bestandteile herauszuziehen. Aus den Leukozyten können zum Beispiel Interferone und Interleukine gewonnen werden, die bei der Behandlung bestimmter Virusinfektionen und Krebsarten Anwendung finden. Aus den Thrombozyten kann ein Wundheilungsfaktor isoliert werden. Und es befinden sich weitere Medikamente im Entwicklungsstadium, die (zumindest anfänglich) Extrakte aus Blutbestandteilen enthalten. Bei solchen Behandlungen werden keine Transfusionen der Hauptbestandteile vorgenommen; es geht normalerweise um Bestandteile oder um Fraktionen davon. Darf ein Christ diese Fraktionen bei einer medizinischen Behandlung akzeptieren? Das können wir nicht beantworten. Da die Bibel keine weiteren Einzelheiten enthält, muß ein Christ seine eigene Gewissensentscheidung vor Gott treffen.

Einige werden alles ablehnen, was aus Blut gewonnen wurde (sogar Fraktionen, die eine vorübergehende passive Immunität gewähren sollen). So verstehen sie Gottes Gebot, ‘sich von Blut zu enthalten’. Sie argumentieren, daß sein Gesetz für Israel verlangte, das Blut, das aus einem Geschöpf ausfloß, ‘auf die Erde auszugießen’ (5. Mose 12:22-24). Warum ist das von Belang? Nun, um Gammaglobulin, dem Blut entstammende Gerinnungsfaktoren und so weiter herstellen zu können, muß Blut gesammelt und verarbeitet werden. Daher lehnen manche Christen solche Produkte ab, genauso wie Transfusionen von Vollblut oder von seinen vier Hauptbestandteilen. Ihre aufrichtige, gewissensmäßige Haltung sollte respektiert werden.

Andere Christen treffen eine davon abweichende Entscheidung. Auch sie lehnen Transfusionen von Vollblut, von Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten oder Plasma ab. Sie mögen einem Arzt jedoch gestatten, sie mit einer Fraktion zu behandeln, die aus den Hauptbestandteilen gewonnen wurde. Doch selbst in dieser Hinsicht kann es Unterschiede geben. Ein Christ akzeptiert vielleicht eine Injektion von Gammaglobulin, lehnt jedoch eine Injektion aller Stoffe ab, die aus Erythrozyten oder Leukozyten extrahiert wurden. Doch wie kommen einige Christen überhaupt zu dem Schluß, sie könnten Blutfraktionen akzeptieren?

In den „Fragen von Lesern“ im Wachtturm vom 1. Juni 1990 wurde erklärt, daß Plasmaproteine (Fraktionen) aus dem Blut einer Schwangeren in den getrennten Blutkreislauf ihres Fetus übergehen. Auf diese Weise gibt eine Mutter Immunglobuline an ihr Kind weiter, die ihm wertvolle Abwehrkräfte verleihen. Nach Ablauf der normalen Lebensdauer der Erythrozyten in einem Fetus wird ihr sauerstofftransportierender Bestandteil abgebaut. Ein Teil davon wird zu Bilirubin, das durch die Plazenta in den Körper der Mutter gelangt und mit ihren Ausscheidungsprodukten ihren Körper verläßt. Da also Blutfraktionen unter diesen natürlichen Umständen auf eine andere Person übergehen können, kommen manche Christen zu dem Schluß, daß sie eine Blutfraktion, die aus Blutplasma, Erythrozyten oder Leukozyten gewonnen wurde, akzeptieren können.

Wird die Frage dadurch gegenstandslos, daß Ansichten und Gewissensentscheidungen verschieden sein können? Nein. Sie ist schwerwiegend. Doch über etwas Grundlegendes besteht Klarheit. Wie das bisher Besprochene zeigt, lehnen Jehovas Zeugen Transfusionen sowohl von Vollblut als auch von dessen hauptsächlichen Bestandteilen ab. Christen werden in der Bibel angewiesen, sich „von Dingen zu enthalten, die Götzen geopfert wurden, sowie von Blut . . . und von Hurerei“ (Apostelgeschichte 15:29). Was Fraktionen aus einem der Hauptbestandteile anbelangt, muß jeder einzelne Christ nach sorgfältigem Nachsinnen unter Gebet eine persönliche Gewissensentscheidung treffen.

Viele Menschen sind bereit, irgendeine Behandlung zu akzeptieren, die sofortigen Nutzen zu bieten scheint, selbst eine Therapie, die anerkanntermaßen Gesundheitsrisiken hat, wie zum Beispiel mit Blutpräparaten. Der aufrichtige Christ ist um eine fundierte, ausgeglichene Ansicht bemüht, die nicht nur die körperlichen Aspekte beinhaltet. Jehovas Zeugen schätzen die Anstrengungen, eine erstklassige medizinische Versorgung zu gewährleisten, und sie wägen das Risiko-Nutzen-Verhältnis jeder Behandlung ab. In bezug auf Produkte, die aus Blut gewonnen werden, legen sie jedoch besonderes Gewicht auf das, was Gott sagt, sowie auf ihr persönliches Verhältnis zu unserem Lebengeber (Psalm 36:9).

Welch ein Segen ist es doch für einen Christen, solch ein Vertrauen zu haben wie der Psalmist, der schrieb: „Jehova Gott ist Sonne und Schild; Gunst und Herrlichkeit sind das, was er gibt. Jehova selbst wird nichts Gutes denen vorenthalten, die in Untadeligkeit wandeln. O Jehova . . ., glücklich ist der Mensch, der auf dich vertraut.“ (Psalm 84:11, 12)!

[Fußnote]

^ Abs. 12 Siehe „Fragen von Lesern“ im Wachtturm vom 1. Oktober 1978 und vom 1. Oktober 1994. Die Pharmaindustrie hat rekombinante Produkte entwickelt, die nicht aus Blut gewonnen werden, und diese können vielleicht an Stelle von manchen Blutfraktionen verschrieben werden, die früher gebräuchlich waren.

[Kasten auf Seite 30]

EMPFOHLENE FRAGEN AN DEN ARZT

Frage, falls dir eine Operation oder eine Behandlung bevorsteht, bei der ein Blutprodukt verwendet werden könnte:

Weiß jeder vom Krankenhauspersonal, der mit meinem Fall zu tun hat, daß ich als Zeuge Jehovas verfügt habe, mir unter keinen Umständen Bluttransfusionen (Vollblut, Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten oder Blutplasma) zu geben?

Frage, falls ein Medikament, das verschrieben werden soll, möglicherweise aus Blutplasma, Erythrozyten, Leukozyten oder Thrombozyten hergestellt wurde:

Wurde das Medikament aus einem der vier Hauptbestandteile des Blutes hergestellt? Wenn ja, würden Sie mir bitte die Zusammensetzung erklären?

Wieviel von diesem aus Blut gewonnenen Medikament würde verabreicht werden, und auf welche Weise?

Welche medizinischen Risiken bestehen, sofern mir mein Gewissen erlaubt, diese Fraktion zu akzeptieren?

Welche andere Therapie könnte angewendet werden, falls es meine Gewissensentscheidung ist, diese Fraktion abzulehnen?

Wen kann ich über meine Entscheidung informieren, nachdem ich mich eingehender mit dieser Angelegenheit beschäftigt habe?